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Regeln & Fairplay: Fragen an FIDE-Schiedsrichter Christian Kuhn

Experte bei der Arbeit Christian Kuhn sorgt als FIDE-Schiedsrichter für den reibungslosen Turnierablauf. Ein Experteninterview mit praktischer Lebenshilfe.


Bei großen internationalen Turnieren wie den Europameisterschaften gelten sehr strikte Sicherheitsregeln (z. B. Verbot eigener Stifte, kein Publikum im Spielsaal). Nach welchem Schema werden solche Schutz‑Level eingeteilt und welche Kriterien sind dabei ausschlaggebend?

Die FIDE regelt das in ihren Fair Play Measures sehr detailliert. Es gibt drei „Sicherheitsstufen“, die nach Wichtigkeit des Turniers oder Preisfonds eingeteilt sind.

Maximale Sicherheit:

  • Weltturniere, die großen Kontinentalmeisterschaften
  • ⁠Rundenturniere mit einem ELO-Schnitt über 2650 (Frauen 2450)
  • ⁠Turnier mit einem Preisfonds über 100.000 €

Erhöhte Sicherheit:

  • kleinere Kontinentalmeisterschaften (z.B. Jugend), nationale Meisterschaften (außer Jugend)
  • ⁠Normenturniere, Rundenturniere mit einem Schnitt über 2500 (2300)

Standard-Sicherheit:

  • nationale Junioren-/Jugendmeisterschaften
  • ⁠alle übrigen ELO-gewerteten Turniere

Welche konkreten Maßnahmen unterscheiden ein Elite‑Event (z. B. Norway Chess) von einer regionalen Liga wie der Berliner Landesliga?

Bei den ganz großen Events (WM, Kandidatenturnier, aber auch höchstrangige Einladungsturnier wie Norway Chess) werden so ziemlich alle Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt, die irgend möglich sind. Metalldetektoren können im Prinzip in allen Turnieren wie z.B. der Landesliga eingesetzt werden, im Standard-Bereich ist das aber eher selten. Bei maximaler Sicherheit kommen nicht nur solche Detektoren zum Einsatz. Auch persönliche Gegenstände (Uhren, Stifte) müssen draußen bleiben. Der sichtbarste Unterschied: Die Trennung von Spieler*innen und Publikum. In der Landesliga gibt es die nicht. Bei den großen Events ist während der Partien überhaupt kein direkter Kontakt möglich: Absperrungen, getrennte Verköstigungs-, Raucher- und Toilettenbereiche.

Wie gehen Schiedsrichter mit Situationen um, in denen ein Spieler offensichtlich erkältet ist oder häufig hustet? Welche Rechte und Pflichten haben Spieler und Schiedsrichter in solchen Fällen?

Tatsächlich sind Schiedsrichter nicht für Gesundheitsfragen zuständig. Die liegen bei den zuständigen Behörden, vielleicht noch beim Veranstalter. Schiedsrichter können nur eingreifen, wenn so oft gehustet, geschneutzt etc. wird, dass der Gegner oder das Turnier gestört wird.

Wie sind Regeln zu interpretieren, wenn ein Gegner sich während man selbst am Zug ist, sich stehend am Brett am Stuhl abstützt, oder sich hinter den Gegner stellt oder anderweitig störend wirkt? Welche Maßnahmen kann der Schiedsrichter ergreifen?

Die individuellen Empfindlichkeiten sind unterschiedlich. Während die Eine auch in einem Metal-Konzert volle Leistung bringen kann, fühlt sich der Andere schon gestört, wenn zwei Bretter weiter ein Spieler durch den Gang geht. Auf letzteres wird ein Schiedsrichter nicht reagieren. Auch in den Verhaltensweisen in der Frage vermag ich ohne Kontext keine Störung zu erkennen. Bei tatsächlichen Störungen steht dem Schiedsrichter das ganze Arsenal an Strafen von der Verwarnung bis zum Turnierausschluss zur Verfügung, das er objektiv, neutral und im Interesse der Veranstaltung einsetzen soll.

Welche Verhaltensregeln oder Vorbereitungen empfehlen Sie Spielern, die in Mannschaftskämpfen antreten, um Konflikte oder Missverständnisse zu vermeiden?

Liebe Spieler*innen, außer dem Spielen der Partie macht ihr bitte NICHTS selbst. Klärt ALLES mit dem Schiedsrichter. Nicht mit dem Gegner, nicht mit dem Nachbarn, schon gar nicht mit dem Publikum. NUR mit dem Schiedsrichter. Während der Partie, nicht danach. Der Schiri ist ausgebildet und kennt den aktuellen Stand der Regeln, nicht die vor 40 Jahren.

Und solange die Partie läuft, sagt ihr kein Wort außer „j’adoube“, „ich biete remis an“, „ich nehme remis an“ und „ich gebe auf“. Wenn ihr mit anderen reden müsst, sollte ein Schiedsrichter oder wenigstens jemand von der gegnerischen Mannschaft dabei stehen.

Die zentralen Landesliga‑Runden in Berlin werden oft positiv bewertet. Aus Schiedsrichtersicht: Was lief gut und was ließe sich organisatorisch verbessern?

Selbst habe ich die zentrale Landesliga nur im World Chess Club erlebt, und der ist Geschichte. Aber ich möchte dazu aufrufen, mehr eigene Spiellokale zur Verfügung zu stellen, um die Reiseentfernungen gleichmäßiger zu verteilen.

Und ganz wichtig: Eine Motivation für zentrale Runden war, eine attraktive Veranstaltung zu schaffen. Dazu gehört meiner Meinung nach auch öffentliche Werbung, die zu mehr Publikum von „außerhalb“ und damit zu Attraktivität für Sponsoren führen könnte.

Die Fragen stellte Fernando Offermann

Weiterführende Links

FIDE-Handbuch: Anti Cheating Regulations

Interview von Veit Godoj mit Jürgen Klüners: „Anti-Cheating-Maßnahmen in Budapest – angemessen oder überzogen?“